In der arabischen Welt hat die Poesie des Eros eine lange Tradition. Dichtung und ihre Darbietung ist hier kein nüchterne, akademische Veranstaltung, sie versetzt den Zuhörer oft in ein ekstatisches Verzücken. Unterstützt wird sie darin von der Musik und von der Kalligrafie, die aus der arabischen Schrift eine „Musik für das Auge“ (Rafik Schami) formt (siehe die Texte „Arabisch-andalusische Musik“ und „Die Kunst von al-Andalus“)

Die Islamwissenschaftlerin und Musikerin Claudia Ott hat einen Band „ Gold auf Lapislazuli“ mit den 100 schönsten Liebesgedichten des Orients herausgegeben. Sie schreibt darin: „In wohl keiner anderen literarischen Region der Welt nimmt die Poesie gegenüber anderen Literaturformen einen so weiten Raum ein wie im Orient; und in kaum einer anderen Dichtung ist die Liebe so zentral und facettenreich vertreten wie in der orientalischen…Ein und dasselbe Liebesgedicht kann religiös, philosophisch, mystisch, aber auch panegyrisch (Herrscher verehrend) gedeutet werden, ob der geliebte Mensch oder Gott angeredet wird, lässt sich oft nicht eindeutig entscheiden…So kann jeder Hörer das orientalische Liebesgedicht auf seine und ihre Lebenswelt beziehen. Diese Vieldeutigkeit, die Offenheit nach allen Seiten, ist in der orientalischen Liebesdichtung Programm.“ Der Bagdader Dichter Ibn al-Ahnaf (um 800) ging so weit zu behaupten: „Nur Liebende sind wahre Menschen. Wer aber nicht liebt oder verliebt ist, an dem ist nichts Gutes!“ Denn die Liebeserfüllung galt als das Paradies auf Erden: „Dort, wo Paradies und Welt an einem Ort zusammen liegen.“

„Orientalische Liebesgedichte (sind ) wie kleine, geheime Paradiese.“, schreibt Claudia Ott.“ Dort folgt das Leben den Gesetzen des Herzens, dort darf rückhaltlos geliebt und wieder geliebt werden, dort fallen die Hüllen von der weiblichen , aber auch von der männlichen Schönheit, dort wird geweint, gelitten und gestorben, was das Zeug hält.“ Also auch das, was in der Realität oft nicht ausgelebt werden konnte. Viele Geliebte waren für den Liebenden unerreichbar und verboten, sicher waren auch nicht alle Weingedichte nur metaphorisch gemeint und war die offene Homoerotik vieler Gedichte nicht zulässig.

In ihrem Roman „Die vierzig Geheimnisse der Liebe“ über die Liebe zwischen den beiden berühmten Mystikern Rumi und Shams e Tabrizi beschreibt Elif Shafak die vierzigste Regel der Liebe der Wanderderwische so: „Ein Leben ohne Liebe ist ohne Bedeutung. Frag dich nicht, welche Art der Liebe du suchen sollst, spirituelle oder materielle, göttliche oder weltliche, östliche oder westliche…Teilung führt nur zu weiterer Teilung. Die Liebe kennt keine Bezeichnungen, keine Begriffe. Sie ist was sie ist, rein und schlicht…Wenn das Feuer das Wasser liebt, dreht sich das Universum anders als zuvor.“

Der größte andalusische Mystiker Ibn Arabi (1165-1240) aus Murcia schrieb Gedichte in einer offen erotischen Farbe:

Sie hoben den Schleier,
und sonnengleich strahlte ihr Antlitz.
Sie mahnten mich: ‚Gib Acht,
denn im Blick auf uns verlierst du die Seele.
So gibt es kein Entrinnen
aus einer Leidenschaft,
die mit der Schönheit stetig wächst
bis zur vollkommenen Harmonie.

Er liebte wie später Dante seine Beatrice die schöne und kluge Nizam in Mekka. „Wenn ich mit Ihr zusammentreffe, entsteht in mir etwas, was ich nie zuvor erfahren…denn ich erblicke eine Gestalt, deren Schönheit, so oft wir uns begegnen, zunimmt an Glanz und Majestät, so dass es kein Entrinnen gibt vor einer Liebe, die wächst, gleich wie ihre Lieblichkeit wächst, nach einer vorherbestimmten Stufenleiter.“ Für Ibn Arabi war es eine Stufenleiter, die ihn zur göttlichen Liebe emporsteigen ließ, jedoch musste er immer seine mystischen Gesänge gegen den Vorwurf ihrer Lüsternheit und Weltlichkeit verteidigen: „Ich machte sie zu meiner immerwährenden Inspiration für die Gedichte, die dieses Buch enthält – sie, Gegenstand meiner Wünsche und geistige Sehnsucht! Doch außerdem spreche ich in diesen Versen dauernd von göttlichen Illuminationen, geistigen Offenbarungen, weil wir die Dinge des zukünftigen Lebens den jetzigen vorziehen sollten und weil sie außerdem den versteckten Sinn meiner Verse sehr genau kannte.“ Noch Ende der 1970er Jahre verbot das ägyptische Parlament seine Verse!

„Stammst du aus der Welt der Engel oder der Menschen? Sage es mir deutlich, denn ich bin ermüdet in meiner Erkenntnis. Ich sehe eine menschliche Form, aber wenn ich darüber nachsinne, ist es eine himmlische Gestalt.“ klagt der Dichter Ibn Hasm um 1020 in al-Andalus.

Mein Blick sieht deinen Leib
Bist du ein Engel oder bist du Fleisch und Blut (Bein)?
Es fällt mir schwer, dein Wesen zu erklären:
Mein Blick sieht deinen Leib. Doch denkend seh` ich ein:
Du musst ein Wesen (sein) aus höhern Sphären sein.

Drum preis ich Allahs herrliche Erfindung,
die dich zu einem Lichtgeschöpfe machte,
das Harmonie und seelische Verbindung
zu uns hernieder auf die Erde brachte.

Wären meine Augen nicht, die mit Gewalt
Mich neu zu deinem Menschentum bekehren,
so würde ich in deiner himmlischen Gestalt
die edle Reinheit der Vernunft verehren.
Ibn Hazm 1120

Das Fazit der Historikerin Sigrid Hunke lautet: „Diese Züge des göttlichen Eros haben der religiösen arabischen Lyrik ein Gesicht verliehen, das oft dem der arabischen Liebeslyrik zum Verwechseln ähnlich sieht. Schon in den frühesten Denkmälern, die heidnische Araber dem weltlichen Eros gesetzt, findet sie sich unverändert wieder ebenso wie an den Wegrändern aller islamischen Länder und Zeiträume. Als eine arabische Form vergeistigter Liebe steht die udhritische Liebe , so genannt nach dem Wüstenstamm der Udhri, welche sterben, wenn sie lieben, auf einer Ebene mit der griechischen platonischen Liebe. Ja, sie hat für das Abendland vielleicht eine noch größere Bedeutung erlangt als jene.“
(aus: „Allahs Sonne über dem Abendland“)

Beipiele homoerotischer Dichtung

Die heute so genannte „aufgeklärte europäische Gesellschaft“ richtet den Vorwurf der Homophobie, der Frauenfeindlichkeit und des Antisemitismus gerne an die Adresse des Islam. Aber ist die jüdische und christliche Tradition im Punkt der Homophobie wirklich besser? Steht nicht in der Bibel (3. Mos 18,22.29): „Einem Männlichen sollst du nicht beiliegen in Weibs Beilager, Greuel ists. … Denn alljeder, der etwas von all diesen Greueln tut, gerodet werden die Seelen, die es tun, aus dem Innern ihres Volkes.“

Die sinnlichen Gedichte aus al-Andalus zeigen demgegenüber einen aufgekärten Islam, der im Gegensatz steht zu den häufig vormodernen und patriarchalen Kulturen, die wir in unseren Grossstädten als islamische Parallelgesellschaften antreffen. Sowohl weibliche wie männliche homoerotische Liebe wurde damals besungen. Offenbar gab es ein Publikum, das auf die homoerotischen Bilder ansprach und sie genossen hat – Homoerotik wurde so wahrscheinlich nicht nur fiktiv gelebt.

Dieser naheliegenden Vermutung wird jedoch in der Literaturwissenschaft zumeist widersprochen, so auch von Elisabeth Schreiner in ihrer Vorlesung „Liebe und Erotik in der arabisch-andalusischen Lyrik“ (Uni Salzburg WS 2005 / 2006)

„Geht es um Liebe, zeigt sich eine Dominanz der gleichgeschlechtlichen Liebe. Wie in der arabischen Dichtung insgesamt ist sie auch in der arabisch- wie der hebräisch-sprachigen Lyrik von al-Andalus in erster Lnie als ein literarisches und kein lebenswirkliches Phänomen anzusehen. Auffallend ist dabei, dass es sich nie um die Liebe zwischen erwachsenen, gleichaltrigen Männern, sondern ausschließlich um Liebe zwischen einem Mann und einem Epheben handelt. Der Ephebe, „ein androgynes Wesen“, oszilliert zwischen Männlichkeit und Weiblichkeit. Sobald der oft besungene Wangenflaum zum Männerbart wird, ist er kein Liebespartner mehr.

Mit dem griechischen Wort Ephebe ist aber auch schon der Hinweis auf eine Tradition gegeben, die bereits für die griechische, klassische Antike zentral war, die aber im christlichen Abendland völlig verdrängt worden ist.

Für den heutigen Leser noch irritierender als die Homoerotik ist vor allem, dass das Geschlecht des Liebesobjekts scheinbar überhaupt keine Rolle spielt. Zwischen männlichem und weiblichen Liebesobjekt wird gelegentlich sogar innerhalb ein und desselben Gedichtes gewechselt, so bei Ibn Sahl in „Trunkener Morgen“ /(Bossong, S. 158)…Die Liebesleidenschaft, wie sie in den Gedichten zur Sprache kommt ist eine abstrahierte. So hat auch der Gegenstand des liebenden Begehrens meist keinen Namen und ist einfach: Mädchen, Gazelle, Kitz oder Schenke.“

Hier einige Beipiel jüdischer männlicher homoerotischer Dichtung.

Shlomo Ibn Gabirol

Ich will das Lösegeld sein für den Gazellenjungen,
an dem sich alle Betrübten erfreuen,
dessen Wangen dem rosaroten Marmor gleichen,
wie bestrichen mit dem Blut des Liebhabers.
die Frucht seiner Lippen sind wie Schwerter,
und seine Blicke wie Geschosse im Herzen.

(Shlomo Ibn Gabirol, 1021- ca. 1057, siehe auch unser Lied von ihm „Tanto amare“)

 

Jehuda Halevi

Einmal, als ich ihn auf meinen Knien herzte,
und er sein Bild in meinen Pupillen sah,
da küsste er meine Augen und täuschte mich:
sein Bild küsste er und nicht meine Augen.

Jehuda Halevi (1075 – ca. 1141) als Übersetzung eines arabischen Gedichts von al-Mutanabbi.

Hier einige weibliche Beipiele:

Sanfte Antilope

Dem Fluss enthüllten Tränen mein Geheimnis,
auf dem die Schönheit Spuren hinterlässt:
wo Gärten hüllen ein den Wasserlauf
und wo der Fluss inmitten von Gärten blinkt.
Unter Gazellen sanfte Antilope –
mein Sinn gehört ihr, sie beherrscht mein Herz.
Ein Etwas macht den Blick ihr schwer von Schlaf,
und dieses Etwas hindert mich am Schlafen!
Wenn sie die Haarpracht über sich ergießt,
siehst du den Mond in rabenschwarzer Nacht,
als sei dem Morgenrot ein Freund gestorben
als hätte es mit Trauer sich bekleidet.

Hamda (Hamda Bint Ziyad al-Mu´addib- Ende 10.-11. Jahrh.) ist die älteste uns bekannte Dichterin aus al-Andalus

 

Quamuna Bint Isma´íl (11. Jahrh. Jüdische Dichterin auf arabisch)

Gazelle, immer weidest du in unserem Garten!
Ich bin so wunderschön wie du, mit meinen großen Augen.
Doch beide sind wir einsam, der Geliebte fehlt uns!
Sag, sollen wir uns ewig unserem Schicksal fügen?

Ich sehe Gärten voll mit erntereifen Früchten,
doch sie zu Pflücken streckt kein Gärtner seine Hand.
Wie schade! Nutzlos geht die Jugendzeit vorüber
und einsam bleibt zurück, was ich nicht nennen will.

Wie auch bei der berühmten Dichterin Prinzessin Wallada (siehe unser Lied dazu) gab es auch polyamore Beziehungen zu mehrern Geliebten beiderlei Geschlechts. So auch bei Hafsa Bint Al-Hadjj Al-Rukuniyya (1135 Granada-1190 Marrakesch), die die Geliebte von zwei Männern Abu Dja´far und Ibn Sa´id war.

Komm ich zu dir? Kommst du zu mir?
Mein Herz begehrt auf ewig nur,
was du begehrst.
Und sei gewiss, wenn du in Gluten dürstest,
ich nehme liebevoll dich bei mir auf.
Mein Mund ist eine süße kühle Quelle
und Schatten spenden meiner Locken Zweige.
Mein Preis gilt jenem weißen Perlenmund.
Ich weiß bei Allah genau, wovon ich spreche:
Die Speichelküsse, die aus ihm ich saugte,
sind süß zu schlürfen wie der beste Wein!

Beeil dich, gib Antwort!
Unschön ist langes Zaudern, wenn die Liebe wartet!

Besuch ist da!
Sie ist gazellenschön und wünscht
Vereinigung mit dem Geliebten!
Ihr Blick hat allen Zauber Babylons,
wie edler Wein ist süß ihr Speichelkuss,
und ihre Wange überstrahlt die Rosen,
so wie ihr Mund die Perlen überglänzt.
Was ist? Hab ich Erlaubnis einzutreten?

Beispiele aus einem Manuskript über jüdische homoerotische Dichtung in al-Andalus von network und Ofek. (www.ofek.ch) Ofek verfolgt das Ziel, das jüdische Leben in Basel aktiv mitzugestalten. network ist der Schweizer Verein schwuler Führungskräfte, Freiberufler, Künstler und Studenten und engagiert sich für die Gleichstellung schwuler und lesbischer Lebensformen.

Vortrag Elisabeth Schreiner: (https://www.uni-salzburg.at/fileadmin/oracle_file_imports/543156.PDF)

Das Besondere der arabisch-hebräischen Dichtung von al-Andalus

Das Ara­bi­sche war in al-Andalus die Spra­che kunst­vol­ler Dich­tung, nicht nur für die Mus­li­me, son­dern auch für die Chris­ten, die Tei­le der Bi­bel aus dem La­tei­ni­schen in ara­bi­sche Ver­se über­setz­ten. Darüber hin­aus war es die Spra­che auch für die Ju­den in al-An­da­lus. Die Ju­den er­weck­ten an­de­rer­seits ihr alt­ehr­wür­di­ges He­brä­isch un­ter ara­bi­schem Ein­fluss zu neu­em Le­ben. Von nun an war es mög­lich, auf He­brä­isch nicht nur den Got­tes­dienst zu feiern, son­dern auch die Lie­be, die Schön­heit der Na­tur, die Freund­schaft und den Wein­ge­nuss zu be­sin­gen. Das eigentliche Judenspanisch („Sephardisch“ oder auch „Ladino“) bildete sich erst nach 1492 heraus, als die Verbindung nach Spanien abgerissen war. Nach der Vertreibung entwickelte sich eine jüdische Variante des Kastilischen zu einer autonomen Sprache, in der viele Lieder und Gedichte der sephardischen Juden überlebt haben. Sie weist noch heute eine größere Nähe zum mittelalterlichen Spanisch auf als das moderne Spanisch. Im mau­ri­schen Spa­ni­en hat sich die Dicht­kunst als ara­bisch-he­bräi­sche Dop­pel­blü­te ent­fal­tet. Au­ßer­dem stand im is­la­mi­schen al-An­da­lus auch die Wie­ge der spa­ni­schen Dich­tung: Die äl­tes­ten Ge­dich­te in ei­nem ganz frü­hen, ar­chai­schen Alt­spa­nisch sind als Schluss­ver­se in ara­bi­schen und he­bräi­schen Stro­phen­ge­dich­ten über­lie­fert. Der hebräische Dichter Jo­sef ibn Ca­prel (um 1000–1060), hat das äl­tes­te Ge­dicht in spa­ni­scher Spra­che geschreiben, das uns er­hal­ten ist, ent­stan­den um 1040, lan­ge be­vor die Ly­rik an­de­rer ro­ma­ni­scher Völ­ker auf der Büh­ne er­schien (das Lied ist Teil des Programmes von Bazar andalus, hier eine Videoaufzeichnung).

Tan­to ama­re, tan­to ama­re,
ha­bi­bi, tan­to ama­re!
En­fer­me­ron oly­os nidi­os,
ya duo­len tan ma­le!

So viel lie­ben, so viel lie­ben,
mein Liebs­ter, so viel lie­ben!
Krank wur­den mei­ne blan­ken Au­gen,
sie schmer­zen schon so sehr!

Die größ­te Blü­te­zeit der an­da­lu­si­schen Dicht­kunst fiel in das 11. und das frü­he 12. Jahr­hun­dert, al­so ei­ne Zeit des po­li­ti­schen Nie­der­gangs. Das Ka­li­fat war zer­bro­chen, zahl­rei­che klei­ne Kö­nig­rei­che wett­ei­fer­ten mit­ein­an­der um die bes­ten Künst­ler, die raf­fi­nier­tes­ten Dich­ter. In die­ser Zeit leb­ten beispielsweise der ein­sa­me Gott­su­cher Ibn Ga­b­i­rol aus Mála­ga (1020–1056), der sei­ne phi­lo­so­phi­sche Pro­sa auf Ara­bisch, sei­ne glü­hen­den Dich­tun­gen auf He­brä­isch schrieb; der ara­bi­sche Aris­to­krat Ibn Sai­dun (1003–1070), der mit der omai­ja­di­schen Prin­zes­sin Wallâda, selbst ei­ne be­deu­ten­de Dich­te­rin (um 1000-1091), ei­ne in­ten­si­ve und tra­gi­sche Ro­man­ze ge­lebt und be­sun­gen hat, die in der ara­bi­schen Welt bis heu­te un­sterb­lich sind; der Cord­obe­se Ibn Qus­man (nach 1086–1160), der im Vul­gär­dia­lekt sei­ner Stadt das all­täg­li­che Le­ben in sei­ner gan­zen Fül­le ein­ge­fan­gen hat.

In je­ner Epo­che blüh­te die jü­di­sche Dich­t­er­schu­le von Gra­na­da, mit Mos­he ibn Es­ra (1055–1135), der ei­ne An­lei­tung zum Dich­ten in he­bräi­scher Spra­che auf Ara­bisch ver­fasst hat, und mit Je­hu­da ha-Le­vi (um 1075–um 1140), dem größ­ten Dich­ter he­bräi­scher Zun­ge nach dem bib­li­schen Kö­nig Da­vid; und die ara­bi­sche Dich­t­er­schu­le von Va­len­cia, mit Ibn Khafad­ja (1058–1139), ge­nannt „der Gärt­ner“ we­gen sei­ner fast schon ro­man­ti­schen Na­tur­ly­rik, und mit des­sen Nef­fen Ibn al-Sak­kak (1096–1134), der der Ver­gäng­lich­keit des Da­seins er­grei­fen­den Aus­druck ge­ge­ben hat. Als Bei­spie­le sei­en zwei ero­ti­sche Nacht­ge­dich­te an­ge­führt, ein ara­bi­sches von Ibn al-Zaqqaq:

Drei­fa­cher Rausch
Sie kam um Mit­ter­nacht, die Dun­kel­heit,
die uns um­fing, war schwarz wie ih­re Lo­cken.
Sie reich­te mir den Kelch mit fri­schem Wein,
der uns mit sei­nem Duft die Nacht
er­hell­te.
Da­zwi­schen goss sie al­ten Nek­tar ein
mit ih­rem Blick, mit ih­rer Lip­pen Spalt.
Mit al­lem hat sie mich be­rauscht: mit Wein,
mit ih­rem Mund, mit sü­ßer Tän­de­lei.

und ein he­bräi­sches Gedicht von Je­hu­da ha-Le­vi:

Mor­gen­son­ne
Der Wan­gen Glut, die Pracht der vol­len Lo­cken
ent­hüll­te die Ga­zel­le mir des Nachts:
der zar­ten Schlä­fe lau­te­ren Kris­tall
deckt strah­lend ein Ru­bin; ihr Ant­litz gleicht
der Son­ne, wie sie mor­gen­dunk­le Wol­ken
mit ih­res Auf­gangs Lo­he rot er­leuch­tet.

Nach Prof. Georg Bossong ist eine in der Welt einzigartige Dichtung entstanden: „Im fernen Westen wird so ein zweifacher Bezug zum Orient hergestellt: zum nahen Orient der arabischen Poesie und der islamischen Welt in ihrer Jugendblüte; und zum fernen Orient des alten Israel, mit seinen vielfältigen Bezügen zum alten Ägypten und Mesopotamien…Diese zweifache Ausprägung macht die Besonderheit der Dichtung von al-Andalus aus. Auf hispanischem Boden vollzog sich die symbiotische Verschmelzung von arabischer und hebräischer Sprachkultur; nur hier kam es zu einer doppelten Blüte- und darüber hinaus zum ersten Aufknospen einer dritten Blüte, der Dichtung in den romanischen Sprachen…Nirgends kam es zu einer solchen Durchdringung der Sprachen und Literaturen wie in al-Andalus. Gewiss gab es auch hier Konflikte, Verfolgung und Unterdrückung. Aber für einen kurzen historischen Moment wurde der Traum von einem friedlichen Miteinander Wirklichkeit.”

Selbst in der folgenden christlich-spanischen Dichtung ist der Einfluss der arabischen Dichtung weiterhin spürbar. Der christliche Mystiker Johannes vom Kreuz sprach kein arabisch, war nicht mit der Sufi-Dichtung vertraut, aber er dichtete beispielsweise: „In des Geliebten innerem Keller trank ich einen Wein, der uns berauschte, noch ehe die Traube erschaffen.“ Der „Cántico Espiritual“, der „Geistliche Gesang“ des Johannes vom Kreuz, ist einer der schönsten Gedichtzyklen der spanischen Literatur. Auf die 1577 im Klostergefängnis von Toledo geschriebenen Gedichte des von der Inquisition als Ketzer gebrandmarkten Karmeliters, griff Juan Goytisolo Anfang der 80er-Jahre des letzten Jahrhunderts zurück, nachdem er auf einer Ägyptenreise erkrankt war. Juan Goytisolo, 1931 in Barcelona geboren, zählt zu den großen Schriftstellern der spanischen Sprache. In seinem Roman „Reise zum Vogel Simurgh“ beruft er sich auf weltberühmte Sufis wie Rumi und Ibn Arabi ebenso wie auf spanische Mystiker wie Teresa von Ávila und Johannes vom Kreuz. „Ich interessierte mich für die poetische Erfahrung des mystischen Ausdrucks. Ich bin zwar Agnostiker, gleichwohl fasziniert mich die Lyrik des Johannes vom Kreuz, da er mit Schlichtheit und Schönheit eine besondere Erregung ausdrückt, die mich berührt.“ Goytisolo zeigt nicht nur die Ähnlichkeit zwischen christlicher und arabischer Mystik, sondern integriert in den Roman das, was in der spanischen Literatur mit der Inquisition und dem Franco-Faschismus amputiert wurde: die arabische Komponente der spanischen Kultur.