Ihr nennt die Rebe sündig. Doch ich sag zu ihr: du Schöne!
Füllst meine Augen mit Schatten an – und mit Licht.
Formst stille Töne, in meinem Herzen zum Gedicht.

Stark wie ein Berg, zittre ich wie ein Zweig,
wenn Schönheit mich bestrickt.
Zu Groben bin ich grob,
doch vor Zartem schmelz` ich hin
Und achte nicht darauf, ob es sich schickt

Ich hasse steife Menschen, die sich so korrekt betragen,
nur um die Welt zu tadeln.
Sie sehen die Vögel nicht und nicht die Schmetterlinge,
wissen nicht, wie süß ein Reim erklingt,
wie Klang die ganze Welt durchdringt.

Sie haben nie der Liebe – Lust entdeckt.
Keine Glut hat // ihr Herz zerfetzt
Mein Herz – zarter als des Messers Klinge –
hasst Niedrigkeit, wie es die Schönheit liebt.

Doch immer bin ich ehrlich – bin der ich bin.
Ich bin ein Zweig, der Tau und Blüten trägt,
den leicht die Brise hin und her bewegt.

Nennt ihr den Zweig auch sündig, er lebt!


Ibn Abd Rabbihi

Ibn Abd Rabbihi (Cordóba 860–940) stieg von einem befreiten Sklaven von Hisham I, dem zweiten spanischen Umayyad Emir, zu einem angesehehen Gelehrten auf. Trotz seiner Ausbildung wurde er jedoch mehr ein Briefträger als ein Jurist und fungierte als Hofdichter seit Beginn von Emirs’Abdallāhs (888-912) Herrschaft. Mehr bekannt als seine Poesie ist seine große Anthologie, die al-‚Iqd al-Farīd (die einzigartige Halskette). Trotz seiner Abhängigkeit als Hofdichter spricht aus seinen Gedichten der freiheitliche und erotische Geist von al-Andalus.