Die arabisch-andalusische Musik ist heute noch in ganz Nordafrika, vor allem in Marokko, zu hören. Al-ala, die klassische arabisch-andalusische Musik, breitete sich in einem Jahrhunderte andauernden Prozess der kulturellen Begegnung aus, was dadurch erleichtert wurde, dass die andalusischen Dynastien der Almohaden, der Meriniden und der Abdalwahiden sowohl Al-Andalus als auch den westlichen Teil Nordafrikas (den Maghreb) beherrschten. Die spätere Flucht und Vertreibung der Muslime und der Juden führte dazu, dass sich die arabisch-andalusische Musik noch weiter verbreitete.

Arabische Musik ist traditionell eher melodisch und rhythmisch geprägt, weniger harmonisch und fest komponiert. Sie weist folgende Merkmale auf:

  • ein arabisches Tonsystem (Maqam) mit eigenen Intervallstrukturen (wie das besondere Verwenden von Vierteltonschritten)
  • rhythmisch-zeitliche Strukturen, die formgebende Muster ergeben, oft auch mit ungeraden Rhythmen
  • Alle umspielen die gleiche Melodie. Die einzelnen Stimmen weichen aber in ihrer Ausgestaltung mehr oder weniger stark von dieser Hauptmelodie ab.
  • die große Bedeutung, die dem Sänger oder Solisten zukommt, da ein großer Spielraum für Interpretaion und Impovisation besteht.

Die arabisch-andalusische Musik ist auf dieser Grundlage im 9. Jahrhundert im Emirat von Cordoba entstanden. Ihre Erschaffung wird vor allem dem persischen Musiker Ziryâb zugeschrieben, der darüber hinaus die gesamte kulturelle Erneuerung von al-Andalus voran getrieben und damit die heute so genannten „europäischen Sitten“ erst ermöglicht hat (siehe: Ziryab – der Kulturrevolutionär).

Später hat der in Saragossa wirkende Dichter, Komponist und Philosoph Ibn Bajjah (lateinisch Avempace, gest. 1139 in Fes, Marokko) den Stil Ziryâbs mit weiteren Elementen kombiniert und einen eigenen Musikstil geschaffen. Er war ein muslimischer Universalgelehrter auf den Gebieten Astronomie, Logik, Physik, Psychologie, Poesie und Musik. In einer Zeit, in der in Nordafrika die fundamentalistische Bewegung der Almohaden entstand, entwickelte er eine individualistische Gegenposition. Diese militärisch-religiöse, aus dem Berbertum entstandene, Bruderschaft trat für eine rigorose Einheit und Reinheit des Bekenntnisses ein und bekämpfte den Sittenverfall. Nach ihrer militärischen Invasion (1090-1116) zerstörten sie in wenigen Jahrzehnten den um sich greifenden verführerischen Lebensstil in al-Andalus. Der kollektiven Bindung in einer Gruppe asketischer Glaubenskämpfer stellte Ibn Baddja die Einsamkeit des unabhängigen, seinen Verstand frei nutzenden Suchenden entgegen. Zu dieser Wahrheitssuche aber sind nur „Fremdlinge“ imstande, die sich von der Masse fern halten.

Seine von den heutigen spanischen Musikern Omar Metiou und Eduardo Paniagua neu arrangierte Partitur der Nuba al-Istihlál, enthält eine große Ähnlichkeit mit dem Marcha Granadera (18. Jh.), der offizielle Hymne von Spanien. Die spanische Nationalhymne ist eine der wenigen Nationalhymnen ohne Text und eine der ältesten Hymnen eines Landes in Europa. Der genaue Ursprung der Nationalhymne oder des Komponisten ist bisher unbekannt. Ibn Bajjahs Original wäre damit das älteste Lied der Welt (etwa tausend Jahre alt), das zu der offiziellen Hymne seines Landes wurde.

Im 11. Jahrhundert entwickelten sich in al-Andalus wichtige Zentren des Baus von Musikinstrumenten, die später Eingang in die europäische Musikkultur fanden. Sogar die deutschen Namen von Musikinstrumenten wie Laute und Gitarre leiten sich her von den arabischen Bezeichnungen Oud und Quithara. Wahrscheinlich das wichtigste Einzelinstrument der arabischen Kultur, das in die europäische Kultur gelangte, war die Oud („das Holz“). Die arabische Laute wird zu einem der Hauptinstrumente der Renaissance und nimmt neue Formen an, wie die Hinzufügung von Bünden, weil die europäische Musik mit Akkorden gespielt wird. Wichtig war auch das Rebab, ein kleines Geigen-Instrument, das in ganz Europa verbreitet wird. Obwohl es uns heute normal erscheint, gab es bis zum 8. Jahrhundert keine Streichinstrumente in Europa. Es ist eine Idee, die in Zentralasien beginnt und sich in den Nahen Osten ausbreitet und über Spanien Europa erreicht. Zusammen mit der Laute und Rebab, gibt es eine Reihe von Flöten, Trompten und verschiedene Arten von Trommel die arabischen Ursprung haben. Eine Erscheinung, die besonders faszinierend ist, ist, dass um diese Zeit verloren gegangene Rohrblatt-Instrumente wie unsere Klarinette oder Oboe wieder eingeführt wurden.

Doch der musikalische Einfluss geht weit über die Instrumente hinaus. Als sicher gilt, dass es zu der Zeit ein Liedgut in arabischer Sprache von aussergewöhnlicher Weltlichkeit und Erotik gab, das sich von der Provence aus, vermittelt durch die Troubadours mit ihren höfischen Liebesliedern, auch im übrigen Europa verbreitete. „Sie hatten ein zentrales Thema, ein Thema der Freude und der Liebe, aber es gibt verschiedene Motive in diesem Konzept der Liebe, die aus der europäischen Perspektive neu und ungewöhnlich sind. Der Sänger, der Troubadour selbst, ist gewöhnlich völlig von seiner Geliebten getrennt. Sie ist oft eine edle Frau, die er für seine Tugend lobt und natürlich für ihr Aussehen. Doch er, als der Geliebte, wird von ihr abgewiesen. So sprechen die Sänger von der Liebe als Krankheit, als Wahnsinn. Aber es sind angenehme Schmerzen, weil ohne Liebe zu leben wäre noch schlimmer, als mit unerwiderter Liebe zu leben. Die sänger stellen stellen sich in der Nähe des Todes dar; sie sehen halluzinierende Visionen; sie reden über sich selbst als Vasallen oder Diener ihrer Geliebten.“ So beschreibt Dwight Reynolds, Professor für arabische Sprache und Literatur und Kenner von al-Andalus (University of California in Santa Barbara) diese edle Kunst, „zu den Damen höflich von der Liebe zu singen“. Die Troubaoure und Minnesänger waren es, die in den Augen der Zeitgenossen aus einem Kriegsmann erst einen wahrhaften Ritter machten. In der christlichen Mystik des Meister Eckhart gilt die Minne als eine spirituelle Übung der Hingabe an das Göttliche. Hierin ähneln sie der spirituellen Hingabe an die unerreichbare „göttliche Geliebte“ der arabischen Dichtung und des Sufismus. Auch Dwight Reynolds sieht eine Paralelle von Minnesang und arabischer Dichtung: „Menschen, die vor allem mit der arabischen Tradition gearbeitet haben, betrachten die Poesie der Troubadours und sehen eine erstaunliche Anzahl von Parallelen. Alle diese Elemente der Liebessehnsucht, die ich gerade aufgeführt habe, finden sich in der typisch arabischen Liebesdichtung.“

Quäle, tue Unrecht, meide-
schön bist du doch ganz und gar!
Und tu, was du willst!
Was du auch tust, es steht dir gut.
Ich halte aus, ob du nun willst oder nicht,
und ertrage dein Sprödetun.
(Mudgalis)

Das Übermaß der Liebe hat ihn zu ihrem Gefangenen gemacht,
obgleich er ein mächtiger König ist!
Demütiges Gebaren ziemt einem freien Mann,
sobald er ein Sklave aus Liebe wird!
al-Hakam I (um 800 Emir von al-Andaluz)

Siehe als weiteres Beispiel im Programm von Bazar andalus das Lied „Wallada und Ibn Zaydun“

Wenn man heute an andalusische Musik denkt, dann fällt einem als erstes der Flamenco ein. Er gilt als typische Musik der spanischen Zigeuner, der Gitanos. Genau zu der Zeit, in der die Moslems und Juden aus al-Andalus verbannt wurden, erreichten die Gitanos auf ihrem langen Weg aus Indien die spanische Halbinsel. Dennoch ist der Flamencostil untrennbar mit der arabischen Musik verbunden. „Wir haben darüber gesprochen, wer die Moriscos sind, das sind die Muslime, die in Spanien zurückgeblieben sind und konvertieren müssen, um in Spanien nach 1502 zu bleiben. Die Zigeuner kommen in Südspanien um 1499, das sind sieben Jahre nach dem Fall von Granada, an. Während des 16. Jahrhunderts lebten die Moriscos und die Zigeuner – die Gitanos – als die marginalisierten gesellschaftlichen Gruppen in den neu christianisierten Städten Südspaniens wie Granada, Cadiz usw. So gab es ein Jahrhundert der Überlappung…Einige der musikalischen Gemeinsamkeiten sind eigentlich fast pan-mediterran. Sie finden sich in vielen verschiedenen Volks- und Popmusiken, vor allem in Nordafrika und den südlichen Mittelmeergebieten Europas. Aber sicherlich gibt es etwas sehr eindrucksvolles in der Ähnlichkeit im Gesangs-Timbre und im Performance-Stil: Einen Kehlgesang, wobei sie sehr hoch in ihrem Register gehen…Eine andere Sache, die sehr auffällig ist, ist die Beziehung zwischen dem Sänger und seinem Instrumentalisten, typischerweise ein Gitarrist. Das ist, dass ein Flamenco-Sänger in der Regel singt und der Gitarrist ist fast unhörbar, spielt nur ein paar Akkorde, eher ausfüllend, aber ist nicht sehr laut. Und dann, sobald die Sängerin aufhört, dann hat der Gitarrist diesen Moment im traditionellen Gesang – Falseta genannt, oder auf Arabisch ein Lazima- und das heißt, den Raum zwischen dem Gesang zu füllen. Er stürzt dann zwischen den Versen hervor. Das ist auch sehr erinnernd an den arabischen Stil. Ein weiterer Aspekt ist die Eröffnung einer Aufführung durch das Singen von Silben wie „Ya-le-le-le-le-le“. Das scheint ein direkter Nachkomme aus der arabischen Tradition zu sein, z.B. „Yalil, Yalil, Yalil“, das heißt, „Oh, Nacht.“ Es gibt modale Aspekte, die sehr gut zwischen den beiden zu vergleichen sind. Es gibt gleiche Muster wie am Ende der Phrasen im Flamenco-Singen, sie heißen ramate, das Ende, das sehr ähnlich der arabischen hafla ist. Und natürlich sind sie beide monophon, das heißt, Single-Melodien ohne Gesangsharmonien, ohne Chor.“

Auch die sephardische Musik der Juden in al-Andalus verbreitete sich über den ganzen Mittelmeerraum.

Die Sänger sind traditionsgemäß zumeist Frauen, die während der Hausarbeit singen. Es entstehen auch viele Wiegenlieder. Diese Lieder sind normalerweise unbegleitet. Es gibt keine Harmonien. Tamburins und andere Perkussionsinstrumente werden zuweilen, besonders bei Hochzeitsliedern verwendet.

So sind es unterschiedliche Stile und kulturelleEinflüsse, die die arabisch-andalusische Musik ebenso wie die Poesie und Kunst geprägt haben. Auch die Musik der Berberstämme aus Nordafrika hatte sicherlich einen Einfluss, der jedoch historisch-wissenschaftlich nicht nachweisbar ist. In der Musik von Bazar andalus beziehen wir auch diesen Trancerhythmus des nordafrikanischen Blues organisch mit ein.