In seinem Buch „Das Licht aus dem Osten- Eine neue Geschichte der Welt“ beschreibt der Historiker Peter Frankopan das goldene Zeitalter des Islam, beginnend im 7. Jahrhundert, als eine Zeit der Toleranz. Ganz im Gegensatz zur heutigen Zeit: „ In einer Welt, in der Religion allem Anschein nach die Ursache von Konfliken und Blutvergießen ist, vergisst man leicht, wie viel die großen Konfessionen voneinander gelernt und abgeschaut haben. Für den heutigen Betrachter scheinen Christentum und Islam diametral entgegengesetzt, doch in den ersten Jahren der Koexistenz ging man nicht nur friedlich , sondern sogar wohlwollend miteinander um. Die Harmonie zwischen Islam und Judentum war noch verblüffender.“ (S. 126) Europa war zu dieser Zeit auf wirtschaftlichem aber auch auf geistigem Gebiet tiefste Provinz, der Glaube dominierte die Wissenschaft und den Fortschritt. Die Blüte der Wissenschaft fand dagegen im islamischen Kulturbereich statt. Ein Beipiel ist der Philosoph, Dichter, Arzt und Musiker Ibn Sina, lateinisch Avicenna, geboren 980 in Afschana in der persischen Provinz Chorasan, gestorben 1037 in Hamadan.

Ibn Sina, ein Beipiel für islamische Wissenschaft

Noah Gordons Bestseller „Der Medicus“ hat ihn heute weltberühmt gemacht. Ibn Sina, der im Abendland auch unter dem Namen Avicenna bekannt wurde, war aber schon zu seiner Zeit der wohl berühmteste persische Philosoph und Arzt im 11. Jh. n.Chr. Sein Hauptwerk über die Medizin war die wissenschaftliche Grundlage für die Medizin der westlichen Welt. Mehrere Jahrhunderte lang – teils bis in 18. Jh. n.Chr. hinein – war es an den Universitäten Europas das wichtigste Lehrbuch für Ärzte. Ibn Sina zählte zu den berühmtesten Persönlichkeiten und Wissenschaftlern einer ganzen Epoche und wird aufgrund seiner philosophischen Arbeiten und Gedichten auch dem Sufismus zugerechnet.

Eine Manusskriptseite des Dichter, Musikers, Philosophen und Arztes Ibn Sina, geschrieben im 11. Jahrhundert. Seine medizinischen Abhandlungen dienten für mehr als 500 Jahre als führende medizinische Texte im Westen.© National Museum, Damascus (Source).

Eine Manusskriptseite des Dichter, Musikers, Philosophen und Arztes Ibn Sina, geschrieben im 11. Jahrhundert. Seine medizinischen Abhandlungen dienten für mehr als 500 Jahre als führende medizinische Texte im Westen.© NATIONAL MUSEUM, DAMASCUS / BRIDGEMAN ART LIBRARY, Quelle

Ibn Sina, Quelle

Ibn Sina vertiefte sich in metaphysische Probleme, besonders in die Werke des Aristoteles. Mit seiner Metaphysik übte er später großen Einfluss auf die christliche Scholastik aus, u. a. auf Albertus Magnus und Thomas von Aquin. Schon im Alter von 18 Jahren hatte er sich einen Ruf als erfolgreicher Arzt gemacht und wurde aufgefordert, dem Herrscher Nuh ibn Mansur (regierte 976–997) zu dienen. Als Dank für Ibn Sinas Dienste als Leibarzt erlaubte der Herrscher ihm die königliche Bibliothek zu benutzen, die einzigartige Bücher enthielt, mit denen sich Ibn Sina weiter bildete. Mit 21 Jahre schrieb er sein erstes Buch. Insgesamt verfasste er ca. 450 Werke, von denen ca. 250 als erhalten gelten. Als sein bedeutendstes Werke gilt: Der Kanon der Medizin.

Ibn Sina bemerkte vor allem die enge Beziehung zwischen Seele (nafs) und Körper und erahnte, dass Musik einen positiven physischen und psychischen Effekt auf Patienten hat. Aber auch so etwas wie Liebeskummer analysierte er. Wie es heißt, hat Ibn Sina die Krankheit des Prinzen von Gorgan diagnostiziert, die örtlichen Ärzte nicht erkannten. Ibn Sina bemerkte ein Flattern im Puls des Prinzen, als er die Adresse und den Namen seiner Geliebten erwähnte. Sein Heilmittel war: Der Kranke sollte mit seiner Geliebten vereint werden. Avicenna gilt mit dieser Sichtweise auch als Vorbereiter der Psychoanalyse und Psychotherapie im Mittelalter. Seine Methode der Pulsdiagnose wird bis heute angewandt.

Das Resumee von Peter Frankopan lautet daher: „Es ist fast das exakte Gegenteil der Welt, die wir heutzutage vor Augen haben: Die Fundamentalisten waren nicht die Muslime , sondern die Christen; Menschen, die offen neugierig und großzügig waren, lebten im Osten- gewiss nicht in Europa.“ (S.152)

Der Islam gehört zu Europa

Bis dann ab 711 die muslimische Eroberung Europas in Spanien begann. Die großen Städte hatten meist ohne größeren Widerstand kapituliert, die Eroberer vertrieben die westgotischen Feudalherren, aber weder Juden noch Christen wurden zur Konversion gezwungen. Die rund 30.000 eingewanderten Mauren mischten sich mit rund 10 Millionen Menschen, die damals auf der iberischen Halbinsel lebten. Die „Araber“ beherrschten das Land militärisch durch ein Netz aus Garnisonen. Al-Andalus unterstand dem weit entfernten Kalifat von Damaskus.
In Al-Andalus entstand von 711 bis 1492 eine blühende Epoche der europäischen Kultur. Es entwickelte sich zu einem eigenen Kalifat so das zu Beginn des 10. Jahrhunderts es im islamischen Raum drei Machtzentren gab: Cordoba in al-Andalus, das Ägypten im oberen Nilatl und Mesopotanien und die arabische Halbinsel.

In Spanien entstand unter muslimischer Herrschaft ein Vorbote der europäischen Ideale. Der Geschichtsforscher und Romanistikprofessor Georg Bossong schreibt:
„ Das eigentliche Ideal von al-Andalus (liegt) gerade in der Überwindung der Gegensätze. Das spanische Mittelalter wird gesehen als ein friedliches Miteinander der monotheistischen Offenbarungsreligionen, als ein »Zusammenleben« (convivencia), wie es in dieser Form nirgendwo sonst realisiert worden ist. In der Tat lässt sich eine solche Deutung der Geschichte durch historische Fakten rechtfertigen, wenn auch mit Differenzierungen, die oftmals unter den Tisch gekehrt werden. Natürlich wäre es groteske Schönfärberei, die mittelalterliche Geschichte Spaniens als ein multikulturelles Paradies in immerwährendem Frieden zu interpretieren. Es gab viel Krieg und blutigen Streit. Aber es gab eben auch immer wieder Perioden, in denen es nicht nur kulturell, sondern auch politisch und militärisch zur Kooperation über die Religionsgrenzen hinweg kam.“ (Bossong ZEIT 2011/25)

Es gab also eine lange Zeit in Europa, wo Christen, Moslems und Juden zusammen lebten: Es kam zu einer gegenseitigen Befruchtung der Religionen und der Künste, der Wissenschaft, des Gartenbaus, der Architektur. Cordoba wurde mit rund einer Millionen Einwohner die bedeutendste Metropole Europas, nur Konstantinopel, Bagdad oder dem chinesischen Chang-An vergleichbar. Die Universität von Cordoba gehörte zu den führenden Bildungsstätten Europas. Einzigartig in ihrer Zeit war die Entwicklung der urbanen Lebensqualität der Städte in al-Andalus – mit Wassertoilette, Kaffee, Badekultur und Massage. Einzigartig war auch die arabische Lyrik.

Bis Ende des 11. Jahrhunderts gab es ein Zusammengehörigkeitsgefühl, das die Gegensätze überbrückte. Viele religiöse Feste wurden gemeinsam gefeiert, Ostern und Fastenbrechen vereinte Muslime und Christen. Man kann durchaus von einer gemeinsamen »Lebensbehausung« (morada vital) sprechen, welche die Religionsgrenzen überwand.

Der Mythos des verlorenen Paradieses: Blütezeit und Ende von al-Andalus

Doch der andalusische Traum zerrann. Die beginnende europäische Aufklärung wurde durch die christliche Rückeroberung und durch islamische Fundamentalisten wieder zerstört. Mit der Eroberung von Toledo 1085 begannen vier Jahrhunderte der christlichen „Reconquista“. Islamischer und christlicher Fundamentalismus bestätigten sich gegenseitig. Es kam zu einer Afrikanisierung des spanischen Islams, so wie zu einer Radikalisierung des spanischen Christentums. Aus Grenzscharmützeln entwickelten sich Dschihad und Kreuzzug. In ihrer Not riefen die spanischen Moslems die Almoraviden zu Hilfe, einen schlagkräftigen Orden von Gotteskriegern aus Nordafrika. Die Almoraviden retteten zwar vorerst den Islam in Spanien; sie waren aber über das Lotterleben der spanischen Kleinkönige und ihr Paktieren mit Christen so empört, dass sie nach und nach all diese Königreiche liquidierten und ihre eigene Herrschaft errichteten. Auch die jüdische Bevölkerung musste darunter leiden. Historiker gehen davon aus, dass sich die ersten Juden bereits im 1. Jahrhundert vor Christus auf der Halbinsel ansiedelten. Eine für das Judentum glanzvolle Zeit war das 10. und 11. Jahrhundert unter dem Kalifat von Cordoba. Doch die Ankunft der Almohaden (1090–1116), die von Andersgläubigen die Konversion zum Islam verlangten, bewirkte eine Flucht vieler Juden, die sich daraufhin hauptsächlich in den christlichen Königreichen niederließen. Mit dem Einfluss dieser „Almohaden“ begann die Regression des Islam, diese „Islamisierung“ war der Vorbote für das Ende der kulturellen Blüte von al-Andalus. „Al-Andalus war eine einzige Kultur mit drei Religionen: Islam, Judentum und Christentum. Als nur noch eine Religion herrschte, hörte al-Andalus auf“, sagt der spanische Orientalist Emilio Ferrin. Anfang 1492 wurde mit Granada der letzte südliche Zipfel von al-Andalus von christlichen Truppen eingenommen. Die Muslime wurden vor die Alternative „Taufe oder Exil“ gestellt.“
Georg Bossong urteilt: „Für den Islam war die Abkehr von der Aufklärung wie sie in al-Andalus angelegt war, eine Katastrophe, denn fehlende Rationalität ermöglicht bis heute immer wieder die Wiederbelebung eines ungezähmten, gewaltbereiten Ur-Islam.“

Jüdische Migration

Am 31. März 1492 erließen die Katholischen Könige Isabella von Kastilien und Ferdinand II. von Aragon den Befehl zur vollständigen Ausweisung innerhalb von vier Monaten derjenigen Juden aus Kastilien, Leon und Aragon, die sich nicht taufen lassen wollten. Hochrechnungen beziffern die Zahl der Flüchtlinge auf bis zu 400.000 Juden.

Etliche der in Spanien gebliebenen und zum Christentum konvertierten Juden, wurden später Opfer der Inquisition, da man sie nicht als glaubwürdige Christen ansah. Dies zog eine weitere Emigrationswelle der Juden nach sich, die dann wieder ihren ursprünglichen Glauben annahmen (v.a. im 16. und 17. Jahrhundert).

Die Durchdringung der Kulturen

Das Nebeneinander der Religionsgemeinschaften ist indessen mit Sieg und Niederlage allein nicht zu erfassen. In vielen Bereichen ließ sich das christliche Spanien von der überlegenen islamischen Kultur durchdringen und befruchten, gerade auch nachdem es militärisch den Sieg errungen hatte. Die kulturelle Symbiose von Orient und Okzident macht die einzigartige Leistung von al-Andalus aus. Für die europäische Geistesgeschichte ist diese Symbiose von großer Bedeutung. Mittler zwischen beiden Welten waren vielfach die Juden, deren Einfluss in Spanien bedeutender war als irgendwo sonst in Europa. Eine besondere Rolle spielte dabei die Philosophie.

„Die mohammedanisch-arabische Kulturperiode ist das Verbindungsglied zwischen der untergegangenen griechisch-römischen und der alten Kultur überhaupt, und der seit dem Renaissancezeitalter aufgeblühten europäischen Kultur. Die letztere hätte ohne dieses Bindglied schwerlich ihre heutige Höhe erreicht. Das Christentum stand dieser ganzen Kultur-Entwickelung feindlich gegenüber.“(August Bebel, Die mohamedanisch-arabische Kulturperiode)

Die islamische Zivilisation ist Erbin der griechischen Antike, nicht minder als das christliche Abendland. In den neu eroberten Gebieten des Byzantinischen Reiches traf der Islam auf die Werke der griechischen Wissenschaft und Philosophie. Diese wurden im 9. Jahrhundert im Bagdad der abbasidischen Kalifen unter Vermittlung syrischer Christen ins Arabische übersetzt, das sich dadurch zu einer internationalen Kultursprache entwickelte. Während im Westen die Kenntnis des Griechischen untergegangen und somit der Zugang zu den Quellen des antiken Denkens verschüttet war, lebte dieses Erbe im Osten in arabisierter Form weiter. Die Begegnung von griechischem Denken und orientalischer Religion führte zu tiefgreifenden Spannungen. Vernunftbasierte Reflexion geriet in Konflikt mit göttlicher Offenbarung.

Dieser Konflikt lässt sich nicht umgehen; er hat unsere gemeinsame orientalisch-mittelmeerisch-abendländische Welt geprägt. Ein an Aristoteles geschultes kritisches Denken stieß mit der herrschenden Orthodoxie zusammen, und zwar in allen drei Offenbarungsreligionen, sowohl im Islam als auch im Christentum und im Judentum. Im 12. Jahrhundert schuf Raimund, Erzbischof von Toledo und Primas der Kirche von Spanien, eine Übersetzerschule, die zwar unter christlicher Herrschaft stand, in ihrem Kosmopolitismus aber auch Juden und Muslime einlud. In dieser multikulturellen Atmosphäre von Toledo wurden ungezählte philosophische und wissenschaftliche Werke aus dem Arabischen ins Lateinische übersetzt und so im Abendland zugänglich gemacht.

Ja, der Islam gehört zu Europa. Er ist Teil der ebenso semitisch wie griechisch geprägten Welt, in der wir bis heute leben. Dieses Wir umfasst das Abendland ebenso wie den Orient – die Kathedrale von Córdoba erinnert daran: eine Moschee, auf antiken Säulen ruhend, umgewandelt in ein christliches Gotteshaus. Nur im Bewusstsein dieser Einheit ist Dialog – und auf Dauer vielleicht sogar Frieden – möglich. Keine andere Epoche legt von diesem fernen Ziel besser und schöner Zeugnis ab als al-Andalus.

Bis heute inspiriert dieses Beispiel auch Moslems aus aller Welt. „Die 1,6 Milliarden Moslems der heutigen Welt haben das gleiche Potential wie die Muslime der Vergangenheit“, schreibt ein muslimischer Autor im Internet. „Eine unserer vielen großen Herausforderungen heute ist es, die dynamische Erbschaft von al-Andalus zu erneuern. Durch sein außergewöhnliches Beipiel kann das moslemische Spanien der Welt zeigen, dass in einem solchen Schmelztiegel verschiedener Religionen und Rassen, wir in der Realität miteinander leben und wachsen können.“

Eros in al-Andalus- Mittler zwischen Antike und Aufklärung

Eine Poesie, die das Weibliche als göttlich verehrt und in der Männer die Waffen streckten und sich furchtlos der Liebe hingaben. Auch Frauen schrieben erotische Dichtung und so manche und manche liebte beide Geschlechter. Leibeslust zählte im maurischen Cordoba zu dem Gaben Gottes, während der Leib im Christentum noch des Teufels war und demnach nicht gepflegt sondern verdrängt wurde. Cordoba kannte Schulen, Kliniken, Bibliotheken, öffentliche Bäder und Schwitzräume – in antiker Tradition. Wie jede größere Stadt des islamischen Herrschaftsbereiches verfügte Cordoba über Krankenhäuser mit Operationssälen, Apotheken und Badeanstalten –  Hygiene und die Versorgung der Kranken waren ohne Vergleich in der Zeit. Über Patienten wurde Protokoll geführt, Krankheitsgeschichten gingen in Lehrbücher ein. Um 1.000 war Cordoba noch vor Konstantinopel die größte Stadt Europas, von der kulturellen Bedeutung vergleichbar mit Bagdad.

Damals wurden in den berühmten Übersetzerschulen auch die dem Abendland verloren gegangenen griechischen Philosophen vom Arabischen ins Lateinische übersetzt. Eine Linie führt von der Feier des Eros im Symposium des Platon und in den Gelagen des Epikur zu den Dichterhöfen und sinnlich-poetischen in al-Andaluz. Berühmt geworden sind die Feste im Garten des Epikur. Im Jahre 306 v. Chr. zog Epikur nach Athen, wo die Demokratie wieder aufzuleben schien. Dort erwarb er jenen Garten (Kepos), in dem er seine Schule gründete. Der Kepos diente Menschen aller Gesellschaftsschichten als Versammlungsort, und er lebte dort mit seinen Schülern (anfänglich sollen es 200 gewesen sein) ohne individuellen persönlichen Besitz. Im scharfen Gegensatz zu den herrschenden Sitten nahm er auch Ehepaare, Frauen (Hetären) und Sklaven als Schüler bei seinen Symposien auf. Doch die Behauptungen über Schwelgereien und sonstige Exzesse der Epikureer stehen im Widerspruch zur Lehre Epikurs, der seine Gäste am Eingang des Gartens mit folgender Inschrift begrüßte: „Tritt ein, Fremder! Ein freundlicher Gastgeber wartet dir auf mit Brot und mit Wasser im Überfluss, denn hier werden deine Begierden nicht gereizt, sondern gestillt.“

Im beginnenden 3. Jahrhundert war es das berühmte Trinkgelage des Platon, das den Eros feierte. Sokrates fasste die Gespräche der anwesenden Philosophen zusammen: „Nicht wahr, Eros ist erstens auf etwas gerichtet und zweitens richtet er sich auf etwas, was ihm selbst jeweils fehlt.“

Ist Unvollständigkeit also auch eine Gnade und Polarität ein Lebensprinzip?

Der Sufipoet Mevlana Rumi sagt:„Wenn ein Mann in sich das innerste Wesen einer Frau fühlt, dann drängt es ihn geschlechtlich zu ihr hin. Wenn eine Frau das maskuline Ich eines Mannes in sich fühlt, dann möchte sie ihn fleischlich in sich haben.“ Das ist Eros: Unterschied und Anziehung. Rumi fragt: „Wie kommt es zu einer wirklichen Verbindung zwischen Menschen? Wenn das gleiche Wissen eine Tür zwischen ihnen öffnet.“ Die spirituelle Kraft des Eros ist nicht überirdische Einheit sondern Beziehung und Anziehung – zwischen Liebendem und Geliebten, Mann und Frau, Geist und Körper, Himmel und Erde, Sexualität und Spiritualität. Es ist eine Frau, Diotema, die den Höhepunkt der Gespräche bildet. Sie hält Eros für keinen Gott sondern für ein „Mittleres zwischen Sterblichem und Unsterblichem. Er ist ein großer Dämon, denn alles Dämonische ist mitten zwischen Gottheit und Mensch.“ Für Diotema ist Eros ein „Zeugen im Schönen, in und mit dem Leib und der Seele.“ Eros ist nichts Festes, sondern der Liebesdrang „weil die Zeugung das Ewige und Unsterbliche ist für ein sterbliches Wesen.“

Orgien an Kalifenhöfen, schöne Haremsdamen aus 1001 Nacht, gleichgeschlechtliche Verführung: Lange befeuerte dieses morgenländische Klischee die erotischen Fantasien im prüden Europa. Ist es ein universelles Gesetz, dass „das Verbotene uns erst recht scharf macht“? Mohammeds eifersüchtiger Versuch seine Frauen vor den Blicken der anderen Männer zu schützen, scheint jedenfalls grandios gescheitert zu sein. Heute hat sich das romantisch-verführerische Bild ins Gegenteil verkehrt. Der Islam gilt hier als rückständig, unfreiheitlich, sexfeindlich. Zu Recht? „Man identifiziert im Islam Sex nicht in erster Linie mit Sünde“, sagt der Islamwissenschaftler Andreas Ismail Mohr. „Wenn man den Koran und die Überlieferungen, die Mohammed zugeschrieben werden, die Sunna, betrachtet, gibt es eine ganze Menge Überlieferungen, in denen gesagt wird, dass die Lust, die man haben soll, wohlgemerkt im legalen Rahmen, stattfinden soll und auch gut ist.“ Dieser legale Rahmen ist die Ehe. Hier sind alle Praktiken erlaubt. Auch Verhütung ist im Koran kein Tabu. Und homoerotische Gefühle haben eine lange Tradition in der islamischen Dichtung. Entsprechende Handlungen hingegen sind Sünde. Gelebt wird oft ein archaisch patriarchaler Ehrenkodex, der jeden ausstößt, der aus den gängigen Geschlechter-Rollen fällt. Die Frau ist dabei das Faustpfand. An ihrer Jungfräulichkeit hängt die sogenannte Ehre der gesamten Familie. Die Gynäkologin Minou Azizi Namini erklärt: „Von klein auf werden Mädchen darauf getrimmt: Du musst aufpassen da unten, du musst die Beine zusammenhalten.“

Unter dieser Oberfläche der Ehre jedoch brodeln Sex und Gewalt im Islam, ebenso wie in der katholischen Kirche und im fundamentalistischen Judentum. Was schauen die IS Krieger auf ihren smartphones an, nur Gottes Botschaften? Ja, aber vielleicht in Form schöner weiblicher Körper. Wovon träumen katholische Priester im Zölibat? Vielleicht von schönen Jungenkörpern. Gegen diese Doppelmoral kämpfen auch immer mehr islamische Frauen und Männer an. Ob mit Burka oder Bikini – immer mehr Musliminnen sind sexuell selbstbestimmt. Und doch werden noch zu viele durch patriarchale Familienstrukturen in ein Doppelleben gezwungen, das oft in verzweifelter Doppelmoral endet. Diese Frauen fürchten oft um ihr Leben. Der Mord an Schwestern und Müttern im Namen der Macho-Ehre beruft sich auf den Islam, obwohl der Koran keine Todesstrafe für sexuelle Delikte kennt.Unter dem Stigma des Kopftuchs, das hierzulande wie ein Phantom diskutiert wird, leben ganz unterschiedliche Lebensentwürfe. Reyhan Schahin hat sie untersucht. Viele Frauen haben sich einen eigenen, dritten Weg geschaffen, sagt sie – zwischen der islamischen und westlichen Tradition.

In ihrem Roman „Die vierzig Geheimnisse der Liebe“ über die Liebe zwischen den beiden berühmten Mystikern Rumi und Shams e Tabrizi beschreibt Elif Shafak die vierzigste Regel der Liebe der Wanderderwische so: „Ein Leben ohne Liebe ist ohne Bedeutung. Frag dich nicht, welche Art der Liebe du suchen sollst, spirituelle oder materielle, göttliche oder weltliche, östliche oder westliche…Teilung führt nur zu weiterer Teilung. Die Liebe kennt keine Bezeichnungen, keine Begriffe. Sie ist was sie ist, rein und schlicht…Wenn das Feuer das Wasser liebt, dreht sich das Universum anders als zuvor.“ (Roman 2013)

Der größte andalusische Mystiker Ibn Arabi (1165-1240) aus Murcia schrieb Gedichte in einer offen erotischen Farbe:

Sie hoben den Schleier,
und sonnengleich strahlte ihr Antlitz.
Sie mahnten mich: ‚Gib Acht,
denn im Blick auf uns verlierst du die Seele.
So gibt es kein Entrinnen
aus einer Leidenschaft,
die mit der Schönheit stetig wächst
bis zur vollkommenen Harmonie.

Die Historikerin Sigrid Hunke schreibt über die Stellung der Frau in al- Andalus: „Der durchaus einseitigen Erhöhung der arabischen Frau, die göttliche Nähe erreicht, entspricht ihre trotz Übernahme des Harems erstaunlich freie Stellung in der Gesellschaft. Zumal die Frauen Andalusiens überraschen durch ihre Ungebundenheit und Bewegungsfreiheit in der Öffentlichkeit – und was sowohl die Damen der Gesellschaft wie einfache Mädchen und selbst Sklavinnen- und durch ihr selbstsicheres Auftreten und ihr souveränes, gebieterisches Verhalten im Umgang mit dem Mann. An der geistigen Bildung nehmen sie lebhaften Anteil, schaffen wissenschaftliche werke und sprechen ebenso sicher und selbstverständlich wie der Mann in Dichtungen ihre Liebe aus.“ ( aus: „Allahs Sonne über dem Abendland“)

Das Fazit von Sigrid Hunke lautet: „Diese Züge des göttlichen Eros haben der religiösen arabischen Lyrik ein Gesicht verliehen, das oft dem der arabischen Liebeslyrik zum Verwechseln ähnlich sieht. Schon i den frühesten Denkmälern, die heidnische Araber dem weltlichen Eros gesetzt, findet sie sich unverändert wieder ebenso wie an den Wegrändern aller islamischen Länder und Zeiträume. Als eine arabische Form vergeistigter Liebe steht die udhritische Liebe , so genannt nach dem Wüstenstamm der Udhri, welche sterben, wenn sie lieben, auf einer Ebene mit der griechischen platonischen Liebe. Ja, sie hat für das Abendland vielleicht eine noch größere Bedeutung erlangt als jene.“

Gegenseitige Befruchtung

Was lernen die verschiedenen Kulturen voneinander und jeder für sich selbst? Gibt es eine freie und sinnliche Spiritualität? Ein Multikulti der Sinne, der Genüsse und des erkennenden Geistes? Eine universelle menschliche Liebe ohne Gott und Religion, dafür mit Schweiß und Tränen, Haut und Haaren, Herz und Verstand? Geschlechtlich und übergeschlechtlich, menschlich und göttlich zugleich? Kann die Überwältigung der westlichen geschlossenen Gesellschaften durch die Flüchtlingswelle, mit der sowohl die Gewalt und Armut wie der Reichtum der arabischen Welt zu uns kommen, auch ein Moment der Begegnungs- und Erkenntnislust sein?

Al-Andaluz mit seiner multikulturellen Gesellschaft kann uns eine Ahnung davon geben. Es gab einen entstehenden europäischen, aufgeklärten Islam und eine gemeinsame Wertekultur, nach der wir heute alle rufen. Doch er wurde zermalmt zwischen christlichem und islamischen Fundamentalismus. Die Erinnerung an diesen geschichtlichen Reichtum kann aber in die Zukunft führen, wie der deutsch-iranische Schriftsteller Navid Kermani bei seiner Rede zur Verleihung des Friedenspreises des deutschen Buchhandels sagt: „Oft ist zu lesen, dass der Islam durch das Feuer der Aufklärung gehen oder die Moderne sich gegen die Tradition durchsetzen müsse. Aber das ist vielleicht etwas zu einfach gedacht, wenn die Vergangenheit des Islams so viel aufklärerischer war und das traditionelle Schrifttum bisweilen moderner anmutet als der theologische Gegenwartsdiskurs. Goethe und Proust, Lessing und Joyce haben schließlich nicht unter geistiger Umnachtung gelitten, dass sie fasziniert waren von der islamischen Kultur. Sie haben in den Büchern und Monumenten etwas gesehen, was wir, die wir oft genug brutal mit der Gegenwart des Islams konfrontiert sind, nicht mehr so leicht wahrnehmen. Vielleicht ist das Problem des Islams weniger die Tradition als vielmehr der fast schon vollständige Bruch mit dieser Tradition, der Verlust des kulturellen Gedächtnisses, seine zivilisatorische Amnesie.“

Doch auch innerhalb des Islam gibt es für Navid Khermani einen historischen Anknüpfungspunkt, den Sufismus, der auch in al-Andalus eine Blütezeit hatte: „Bis ins 20. Jahrhundert hinein war der Sufismus fast überall in der islamischen Welt die Grundlage der Volksfrömmigkeit…Als die geläufigste Form der Religiosität bildete der Sufismus das ethische und ästhetische Gegengewicht zur Orthodoxie der Rechtsgelehrten. Indem er an Gott vor allem die Barmherzigkeit hervorhob, im Koran hinter jeden Buchstaben sah, in der Religion stets die Schönheit suchte, die Wahrheit auch in anderen Glaubensformen erkannte und ausdrücklich vom Christentum das Gebot der Feindesliebe übernahm, durchdrang der Sufismus die islamischen Gesellschaften mit Werten, Geschichten und Klängen, die aus einer Buchstabenfrömmigkeit allein nicht abzuleiten gewesen wären. Der Sufismus als der gelebte Islam setzte den Gesetzesislam nicht etwa außer Kraft, aber er ergänzte ihn, machte ihn im Alltag weicher, ambivalenter, durchlässiger, toleranter und durch die Musik, den Tanz, die Poesie vor allem auch sinnlich erlebbar.“

Kaum etwas scheint davon übrig geblieben zu sein. Wo immer Islamisten oder auch nationalistische Reformer die arabische Welt dominieren wollten, wurde der Sufismus zerstört. Doch gerade die Menschen, die zu uns kommen, sind vor diesen Fundamentalisten und Diktatoren geflohen. Es gäbe also die Möglichkeit einer Kooperation und Wiederentdeckung eines aufgeklärten und lebensfreundlichen Islams, der zu unserer offenen Gesellschaft passt. Aber was bleibt von unserer „deutschen Leitkultur“ noch übrig, wenn wir uns all dem gegenüber öffnen? Die entspannt gute Nachricht von Johannes Fried, Professor für mittelalterliche Geschichte (Buch: „Die Anfänge der Deutschen“): „Was deutsch ist? Wir werden damit leben müssen, dass es keine endgültige Antwort darauf gibt…Wir haben unseren Namen von den Italienern, die Demokratie von den Franzosen, wir lesen die Literatur der Welt, seit unseren Anfängen sind wir ein Produkt von Zuwanderung und Akkulturation. Die Migranten und Flüchtlinge, die jetzt kommen werden uns abermals verändern.“ Die Anfänge der Deutschen gingen aus einem multikulturellen Vielvölkergemisch zwischen dem 7. und 10. Jahrhundert hervor. Welch eine Ironie, dass gerade die Bayern „glaubten, aus dem Orient eingewandert zu sein.“ (ZEIT 29.10.15)

Wenn wir Deutsche selbst schon so sehr Multikulti sind, dann kann ja kaum noch etwas schief gehen mit der Integration. Es sei denn wir wären die harten Fundamentalisten einer Kultur der Angst. Es geht nicht darum Grenzen, weder kollektive noch individuelle, abzuschaffen, sondern sie anzuerkennen und sie im gegenseitigen Respekt begehbarer und durchlässiger zu machen. „Die Begegnung ist die Erfahrung der subtilen Grenze“, sagt der französische Anthropologe Marc Auge´ in Die illusorische Gemeinschaft. Jeder Mensch darf und sollte ein Bewusstsein seiner Grenzen haben und zugleich so frei sein, damit zu experimentieren. In ihrem Song „Grenzen“ singt Dota & die Stadtpiraten „Ich melde mich ab, ich will einen Pass wo Erdenbürger drin steht, schreibt einfach nur Erdenbewohner, das kann doch so schwierig nicht sein.“Aber dann singt Dota von einer eigenen Grenze: „Ich schließe die Tür und genieße die Stille, ich grenze mich ab – das muss sein! Jeder hat seine Grenze, die ihn umgibt, sie schließt ihn schützend ein. Warum schützt man die Grenzen der Staaten so gut und die Grenzen der Menschen so schlecht? Nicht aus Stacheldraht müssen sie sein, aber aus Respekt. Es gibt Grenzen.“

Wir möchten Sie einladen zur Convivencia, zu der Kunst des Zusammenlebens als einem respektvollen Spiel mit subtilen Grenzen. Dann wäre eine Bereicherung möglich -frei nach Kermani- „ denn der gelebte Islam setzte den `deutschen Gesetzesrahmen´ nicht etwa außer Kraft, aber er ergänzte ihn, machte ihn im Alltag weicher, ambivalenter, durchlässiger, toleranter und durch die Musik, den Tanz, die Poesie vor allem auch sinnlich erlebbar.“


Bild am Seitenanfang: Innenraum der Mezquita (Moschee), Spanien von Berthold Werner [CC BY-SA 3.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)], via Wikimedia Commons